Annual Report 08/09

Kollektive Intentionalität – Phänomenologische Perspektiven


Wissenschaftlicher Zwischenbericht

für die Beitragsperiode vom 1. 9. 2008 bis zum 31. 8. 2009




a) Darstellung der Forschungsarbeit


i. Fortschritt der Arbeit und Situierung der Publikationen

In diesem dritten Jahr der regulären Laufzeit konnten wesentliche Teile des Projekts abgeschlossen und eine ganze Reihe von Teilprojekten auf den Weg gebracht werden. An erster Stelle sei die Publikation des 850-seitigen Bandes „Kollektive Intentionalität – Eine Debatte über die Grundlagen des Sozialen“ als Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft erwähnt. Die Herstellung dieses Bandes in Zusammenarbeit mit einem Team an der Universität Köln hat sich als sehr aufwendig erwiesen. Erste Rückmeldungen bekräftigen aber die Erwartung, dass mit diesem Band die grundlegende Bedeutung unseres Themas für eine ganze Reihe philosophischer Teildisziplinen im deutschen Sprachraum nachhaltig verdeutlicht wird.

Bezüglich der Publikationen ist ein weiteres besonders wichtiges Ereignis das Erscheinen des Bandes Plural Action – Essays in Philosophy and Social Science bei Springer. Dieser Band enthält gründlich überarbeitete sowie neue Aufsätze des Hauptantragsstellers aus den Jahren der Projektarbeit und wird dazu beitragen, den Gesamtzusammenhang der Forschungsarbeit der letzten Jahre einem internationalen Publikum sichtbar zu machen.

Ganz besonders intensiv und erfolgreich war in diesem Jahr auch die Organisationstätigkeit. Diese hat sich auf drei internationale Workshops und einen kleineren Workshop erstreckt:


Sept. 2008 Workshop on Collective Epistemology, Universität Basel (in Zusammenarbeit mit Prof. Marcel Weber, Universität Basel)

Jan. 2009 Workshop on Self-Evaluation

Mai 2009 Workshop on Social Capital (in Zusammenarbeit mit Prof. Dieter Thomä, St. Gallen)

Mai 2009 Geteiltes Fühlen. Workshop mit Hermann Schmitz (mit Prof. Angelika Krebs)


Der Erfolg dieser Veranstaltungen drückt sich auch darin aus, dass für die Publikation aller drei Veranstaltungen interessierte Verlage gefunden werden konnten.

Als letzter Punkt sei erwähnt, dass verschiedene Initiativen zur besseren Verankerung der Projektthemen im weiteren internationalen Forschungsbetrieb ergriffen wurde. Diese umfassen die vorbereitende Arbeit an der Gründung einer Buchreihe (zusammen mir Raimo Tuomela (Helsinki) und Deborah Tollefsen (Memphis), die Arbeit an der Gründung einer wissenschaftlichen Zeitschrift und die Gründung des European Network on Social Ontology (die Gründungsveranstaltung wird im Oktober stattfinden).

Das Projekt-Forschungskolloquium wurde mit reichem inhaltlichen Ertrag weitergeführt.


ii. Die wichtigsten Inhalte

Inhaltlich lag der Akzent der Projektarbeit in diesem Jahr bei den Ausweitungen der Analyse kollektiver Intentionalität auf Probleme der Epistemologie und der geteilten Emotionen. Zudem hat der Antragssteller die Arbeit an zwei weiteren größeren Projekten aufgenommen: unter dem Arbeitstitel „Objektiver Geist – Grundlagen der Metaphysik des Sozialen“ geht es darum, die Analyse kollektiver Intentionalität im weiteren Umfeld sozialontologischer Grundlagenforschung zu situieren. Aus diesem Projekt erwächst der zeitgleich mit diesem Zwischenbericht eingereichte Verlängerungsantrag.

Ein zweites Projekt, welches bereits weit fortgeschritten ist, steht unter dem Titel „Autorität, Charakter und die Ethik der Selbstbestimmung“. Ausgangspunkt ist die jüngere moralpsychologische Diskussion um die Frage, inwieweit Charakterzüge moralisch relevantes Verhalten zu erklären vermögen; die Herausforderung geht hier vom Situationismus aus, der einen solchen Zusammenhang vehement bestreitet. Als Kronzeuge des Situationismus dient in der gegenwärtigen Literatur in der Regel Stanley Milgrams sozialpsychologisches Experiment zum Gehorsam gegenüber Autorität. Die im Rahmen der Projektarbeit entwickelte These lautet, dass in dieser Diskussion die kooperative Struktur von Milgrams Versuchsanordnung zu wenig beachtet bzw. überhaupt übersehen wurde. Die Analyse dieser Dimension zeigt, dass die Alternative „Situation vs. Charakter“ falsch gestellt ist.



iii. Beitrag der Projektmitarbeiterinnen


Anita Konzelmanns Beschäftigung mit dem Thema 'Kollektive Affektivität' hat sich in den letzten 12 Monaten so weit konsolidiert, dass nun das Konzept einer Monographie zum Thema 'Shared Feeling' vorliegt. Darin wird einerseits die Frage der explanatorischen Relevanz geteilter Gefühle zur Diskussion gestellt, andererseits wird eine Definition geteilter Gefühle entwickelt, die den Ausgleich zwischen explanatorischer Relevanz und ontologischer Ökonomie sucht. In einem ersten Teil wird die Frage der explanatorischen Relevanz unter den Gesichtspunkten soziologischer, psychologischer und philosophischer Theorien kollektiven Fühlens abgehandelt. Der zweite Teil ist der begrifflichen Analyse von Ausdrücken gewidmet, die geteiltes Fühlen nahelegen. Da die Studie ausdrücklich auch die Phänomenalität geteilten Fühlens einbezieht, wird darin die Semantik subjektiver Zuschreibungen der Form 'Wir fühlen E' diskutiert. Des Weiteren gehört ein Kapitel über die Metaphysik von Zuständen und Episoden dazu, das die Grenzen eines philosophischen Begriffs des Teilens solcher Entitäten absteckt. Unter Berücksichtigung dieser beiden zentralen Aspekte werden Paradigmata geteilten Fühlens aus der Phänomenologie und der Philosophie kollektiver Intentionalität kritisch beleuchtet und ein kohärenter Ansatz des Fühlens im Modus der Geteiltheit entwickelt. Der dritte Teil des Buches prüft die Brauchbarkeit dieses Ansatzes in der Anwendung auf moralische und epistemische Gefühle. Eine zentrale Idee dabei ist, im Begriff des geteilten Fühlens die Vorteile von Unmittelbarkeit und normativer Reflektivität zusammenzuführen. Die Vorarbeiten – Lektüre, Vorträge, Diskussionen – sind so weit gediehen, dass das Buch in Entwurfsfassung bis Ende des vierten Projektjahres vorliegt (Sprache: englisch).

Juliette Gloor stellte Anfang Oktober 2008 an einem Workshop vom Philosophie Pro*Doc-Programm „Menschliches Leben“ (Universität Basel) – Juliette Gloor ist Assoziierte dieses Programms – ihr Dissertationsprojekt zur kritischen Diskussion. Ziel war es, die Leitfrage ihres Projekts zu formulieren (1) und eine Beantwortung zu erproben (2).

(1) Warum ist man sich innerhalb der Analyse kollektive Intentionalität über den Charakter der Normativität von gemeinsamen Absichten und gemeinsamen Aktivitäten grundlegend uneins? Juliette Gloor vermutet, dass die Vertreter einer genuin sozialen Normativität (so z.B. Margret Gilbert und Anthonie Meijers) – im Gegensatz zu Vertretern einer vor-sozialen oder instrumentellen Normativität (z.B. Raimo Tuomela und Michael Bratman) – tatsächlich an einem Phänomen gemeinsamen Handelns interessiert sind, welches sich mittels dem Begriff der Absicht, so wie er gemeinhin ausgelegt wird, gar nicht adäquat beschreiben lässt.

(2) Dieses Phänomen, so Juliette Gloors These, lässt sich nur mittels einer spezifischen Konzeption von Gründen, nämlich geteilten Gründen, erfassen. Die Kernidee ist eine neokantische und wird am prominentesten von der Amerikanischen Philosophin Christine Korsgaard (Havard) vertreten: Wenn X und Y einen Grund P zu tun, teilen, dann zählt X’s Grund P zu tun als Grund für Y P zu tun und Y’s Grund P zu tun zählt für X als Grund P zu tun. Dies bedeutet letztlich nichts anderes, als dass geteilte Gründe auf spezifische Weise die Grenze zwischen Personen überwinden. Es bedeutet mithin, dass im Teilen von Gründen dem Menschen eine spezifische Art von Respekt zuteil wird. Diese Struktur ist für das Verständnis von gemeinsamem Handeln grundlegend. Die These, welche diese Vermutung stützen soll präsentierte Juliette Gloor am 4. Dezember im Rahmen des Papers „Collective Reasoning“, das sie an einem Workshop zu kollektiver Intentionalität (mit Professor Raimo Tuomela) an der Helsinki University vorstellte. Ausgehend von einem für intentionale Handlungsfähigkeit zentralen Merkmal soll gezeigt werden inwiefern ein Kollektiv-Akteur mehr mit einem Akteur gemein hat als der Individual-Akteur. Gemeinsames Überlegen, so die These, ist nämlich Voraussetzung für individuelles Überlegen bzw. letzteres ist von erstem abgeleitet. Und wenn Überlegen ein für intentionale Handlungsfähigkeit definierendes Merkmal ist, dann ist das paradigmatische Wesen von Überlegen kollektiv. In einem weiteren Paper mit dem Titel „Intentional Action, Morals and Manners“, das Juliette Gloor im März im teaminternen Forschungskolloquium vorlegte untersucht die Autorin einen zentralen Aspekt des Teilens von Gründen in gemeinsamem Überlegen. Juliette Gloor schlägt vor, dass das Teilen von Gründen als eine Form des Erweisens von Respekt begriffen werden soll. Die Gründe des anderen als für sich selbst normativ zu behandeln bedeutet nichts anderes als diesen respektvoll – im Sinne des Anstands – zu behandeln. Anständiges Benehmen ist aber selbst nichts anderes als die Bedingung der Möglichkeit einander mit Respekt – im moralischen Sinn – zu behandeln.

Vom 2. bis 3. Juni 2009 nahm Juliette Gloor am Workshop mit Professor Jay Wallace (UC Berkeley) „Normativity and the Will“ teil. In dem von ihr im Workshop vorgestellten Paper „An Inquiry into the Nature of Akratic Action“ wird eine konstruktivistische Interpretation von Handlungsgründen gegen eine realistische Interpretation davon verteidigt. Im Anschluss daran wird die These zu prüfen sein wonach das Teilen von Gründen eine konstruktivistische Interpretation von Handlungsgründen voraussetzt.


iv. Abweichungen vom Forschungsplan

Nach den in den Vorjahren erfolgten Umstellungen liefen dieses Jahr die Forschungsarbeiten weitgehend nach Plan.


v. Besondere Ereignisse

Hans Bernhard Schmid hat in der Beitragsperiode folgende Vorträge gehalten:

Collective Emotions as Social Facts. Conference of the International Society for Research on the Emotions, Leuven, 16.-19. 8. 2009.

Stealing Pears Together. Joint Action and the Dark Side of Social Capital. Workhsop on Social Capital, Universität St. Gallen, 8. 5. 2009.

Minding Matter in Social Theory. Workshop „Matter in Social Theory“, Universität Basel, 13. 5. 2009.

Geteiltes Fühlen. Arbeitstagung „Geteiltes Fühlen“, Universität Basel, 5. 5. 2009.

The Sense of Ability in the Phenomenology of Action. Workshop on Self-Evaluation, Unviersität Basel, Jan. 2009.

Collective Affective Intentionality. APA Eastern Division Meeting, Philadelphia, 26. – 29. 12. 2008.

Character vs. Situation. Workshop, Universität Helsinki, 5. 12. 2008.

Identification. Vorlesungsreihe “Geist und Welt”, Universität Rostock, 25. 11. 2008.

Actions and Emotions. Departmental Workshop, Complutense Univsersity, Madrid, 23. 10. 2008.

Feeling Up to It. Vortrag an der internationalen Konferenz „Animal Emotionale“, Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Bielefeld, 9.-11. 10. 2008.


Anita Konzelmann hat in der Beitragsperiode die folgenden Vorträge gehalten:

The Semantics of Shared Emotions, Workshop: 'Language and Emotion', September 22-23, 2008, University of Granada.

A 'Feeling for Truth' – What is Epistemic Feeling? SIFA 2008 Conference, 'Ontology, Mind and Language', September 25-27, 2008, University of Bergamo.

Collective Epistemic Virtue, International workshop: 'Collective Epistemology', University of Basel, October 3-5, 2008 (invited talk).

Collective Forgiveness and Normative Enactment, Workshop, University of Helsinki, December 5, 2008 (invited talk).

'Wir'-Gefühl – Problem und Versprechen eines Begriffs, Workshop: 'Die Phänomenologie geteilten Fühlens: Max Scheler und Hermann Schmitz', University of Basel, 5-6 May 2009.

Truth-Feeling – Individual and Shared, Workshop 'Epistemic Emotions', University of Geneva, 14 July 2009.

Collective Moral Feelings, ISRE Conference, Leuven, 6-8 August 2009.

'We-emotion' – promise and problems of a conception, SOPHA Conference, Geneva, 2-5 September 2009.

Epistemic Feeling, Knowledge and Communal Ethics, 9th ESA Conference, Lisbon, 2-5 September 2009.




b. Publikationen innerhalb der SNF-Förderungsprofessur innerhalb der Beitragsperiode vom 1. 9. 2008 bis zum 31. 8. 2009:


i. Monographie

Hans Bernhard Schmid: Plural Action. Essays in Philosophy and Social Science. Contributions to Phenomenology vol. 58, Springer Verlag 2009, 360 S.


ii. Herausgeberschaft

Hans Bernhard Schmid: Kollektive Intentionalität. Eine Debatte zu den Grundlagen des Sozialen (hrsg. mit David Schweikard). Frankfurt, Suhrkamp, stw 1898 (850 S.)


iii. Aufsätze/Buchkapitel

Hans Bernhard Schmid: Evolution durch Imitation: Gabriel Tarde und das Ende der Memetik. In: Christian Borch/Urs Stäheli (Hg.): Soziologie der Nachahmung und des Begehrens. Materialien zu Gabriel Tarde. Suhrkamp, stw 1882, 2009, S. 288-305.

Hans Bernhard Schmid: Können Gehirne im Tank als Team denken? In: Hans Bernhard Schmid/David Schweikard (Hg.): Kollektive Intentionalität. Eine Debatte über die Grundlagen des Sozialen. Frankfrut am Main, Suhrkamp, stw 1898, 2009, S. 387-412.

Hans Bernhard Schmid: (mit David Schweikard): Kollektive Intentionalität – Begriff, Geschichte, Probleme. In: Hans Bernhard Schmid/David Schweikard (Hg.): Kollektive Intentionalität. Eine Debatte über die Grundlagen des Sozialen. Frankfrut am Main, Suhrkamp, stw 1898, 2009, S. 11-65.



c. Publikationen, die sich noch im Druck befinden


i. Herausgeberschaften

Hans Bernhard Schmid, Anita Konzelmann: Self-Evaluation. Affective and Social Grounds of Intentionality (in Vorbereitung; mit Keith Lehrer).

Hans Bernhard Schmid: Collective Epistemology (in Vorbereitung; mit Marcel Weber und Daniel Sirtes); erscheint in der Reihe Epistemic Studies im Ontos Verlag (2010).

Hans Bernhard Schmid: We-Intentions (in Vorbereitung; mit Raimo Tuomela und Seumas Miller); zur Publikation angenommen vom Springer Verlag.

Hans Bernhard Schmid Social Capital, Social Identities: from Ownership to Belonging (in Vorbereitung; mit Dieter Thomä und Christoph Henning); erscheint 2010.


ii. Unselbständige Herausgeberschaft

Hans Bernhard Schmid: Symposium on Altruism (mit Michael Schefczyk). In: Economics & Philosophy (2010).


iii. Aufsätze und Buchkapitel

Hans Bernhard Schmid: Altruism and Autonomy. Erscheint in: Economics & Philosophy (2010).

Hans Bernhard Schmid: Kollektive Selbstmissverständnisse. Erscheint in: G. Bertram/R. Celikates/D. Lauer (Hg.): Expérience et réflexivité. Perspectives au-delà de l'empirisme et de l'idéalisme. Paris, Harmattan (2010).

Hans Bernhard Schmid: Zweck und Norm. Zur Verteidigung des sozialtheoretischen Intentionalismus’. Erscheint in: G. Albert/R. Schützeichel (Hg.): Sozialität. Verlag für Sozialwissenchaften (erscheint 2010).

Hans Bernhard Schmid: Malentendus collectifs. Réflexions sceptiques sur la théorie type de l'identité politique. In : Laurence Kaufmann/Danny Trom (Hg.) : Collectifs politiques. Erscheint in der Reihe Raisons pratiques, 2010.

Hans Bernhard Schmid: Atmosphären und geteilte Gefühle – Bemerkungen zu Herrmann Schmitz. In: Kerstin Andermann et al. (Hg.): Gefühle als Atmosphären. Berlin, Akademie Verlag (erscheint 2010).

Anita Konzelmann Ziv: 'Collective Epistemic Virtue'; Erscheint im Sammelband Collective Epistemology (Hg. H. B Schmid, M. Weber & D. Sirtes, Ontos Verlag).

Anita Konzelmann Ziv: 'L'intentionnalité collective – entre sujet pluriel et expérience individuelle' ; erscheint im Sammelband: Raisons pratiques: Collectifs, collectifs politiques (Hg. D. Trom & L. Kaufmann, Editions EHESS, Paris, Publikation vor Ende 2009).

Anita Konzelmann Ziv: 'Bolzanian Knowing: Infallibility, Virtue and Foundational Truth', Synthese (Sonderband: The Classical Model of Science II: The axiomatic method, the order of concepts and the hierarchy of sciences).

Anita Konzelmann Ziv: 'Naturalized Rationality – A Glance at Bolzano's Philosophy of Mind', Baltic International Yearbook for Cognition, Logic and Communication, 4, "200 Years of Analytical Philosophy".




Danksagung



Die Projektleitung bedankt sich im Namen aller Projektmitarbeitenden beim Schweizerischen Nationalfonds für die Gewährung der außerordentlich guten Arbeitsbedingungen. An die verantwortlichen Stellen der Universität Basel ergeht ein Dank für das Bereitstellen eines fruchtbaren Forschungskontextes.